Es war wie jeden Sommer – wenn Paula in den Ferien bei Oma und Opa war, kletterte sie im Garten auf den großen Kasten, der am Zaun stand und schaute über den Bretterzaun auf das andere Grundstück. 

Der Garten hinter dem Bretterzaun sah aus wie ein verwunschener Märchengarten. Eigentlich wusste sie nicht, warum sie immer wieder über den Zaun kletterte, denn jedes Mal passierte wieder das gleiche:

Gerade, wenn sie oben angekommen war und mit der Nasenspitze über das oberste Brett lukte, kam er angerannt – der böse, dunkle, riesengroße Hund, der im verzauberten Nachbargarten wohnte. Er fleschte die Zähne, und bellte bedrohlich, was das Zeug hielt…

Und jedes mal erschreckte sie sich so, dass sie rückwärts vom großen Kasten auf den Hosenboden fiel und zitternd auf der Wiese landete.

„Männo, irgendwann muss der doch mal genug von seiner blöden Bellerei haben“, dachte Paula. „Der soll mit seinem Schwanz wackeln, dann freuen Hunde sich doch. Hm, vielleicht muss ich ihn auch mal überraschen… ich laufe mal ins Haus und gucke, ob ich in meinem Zimmer etwas lustiges finde…“ nahm sie sich vor.

„Mensch, da hat das Mädchen mir schon wieder keinen Keks gegeben und ich habe sie doch so freundlich angesungen“, dachte Bello, als das Mädchen von der anderen Seite des Zauns verschwunden war. „Ich kann doch nur mit dem Schwanz wackeln, wenn ich Kekse esse… Was kann ich nur machen, dass das Mädchen mir Kekse bringt? Vielleicht muss ich mir mal etwas anderes überlegen – vielleicht muss ich beim nächsten Mal noch lauter singen“, überlegte er und trottete auf sein gemütliches Kissen, dass unter dem großen Apfelbaum im Schatten lag.

„Ha, das ist es“ – dachte Paula als sie in ihrem Zimmer stand. „Ich hole Hasso, meinen süßen braunen Stoffhund mit und zeige ihn dem schlecht gelaunten Hund. Vielleicht freut ihn das ja, wenn er einen Hundefreund sieht“.

Unterwegs steckte sie sich noch ein paar Kekse aus der großen Schale im Wohnzimmer ein und lief zurück zum Bretterzaun, um aufs Neue ihr Glück mit dem bösen Hund zu versuchen.

Wieder kletterte sie auf den großen Kasten und schaute ganz vorsichtig über den Zaun. Dann holte sie ihren kuscheligen Hasso hervor und schob ihn auch ganz langsam neben sich nach oben. Erst das eine Schlappohr, dann das andere Schlappohr und dann das lustige freundliche Stoffhundegesicht.

Als Bello Paula mit ihrem Hundefreund sah, freute er sich wie ein Hundekönig darüber, dass Paula heute nochmal wieder kam, sprang auf und sauste wie von der Mücke gestochen auf den Zaun zu.

Als Bello da aber mit dieser Wucht, so schnell wie eine Eisenbahn auf den Zaun zu rannte, erschreckte Paula sich so sehr, dass ihr die Kekse aus der Hand fielen. Sie landeten alle im verwunschenen Zaubergarten auf der anderen Seite vom Bretterzaun. Genau vor Bellos Vorderpfoten im Gras.

Bello juchzte los und seine Augen glänzten vor Freude. Er wedelte so sehr mit dem Schwanz, dass er fast wie ein Hubschrauber in die Höhe flog. 

Als Paula das hörte, kletterte sie staunend wieder auf den großen Kasten und sah sprachlos in Bellos zufriedenes Hundgesicht, der sich gerade noch wild schwanzwedelnd die letzten Keksreste vom Maul ableckte.

Von diesem Tag an, trafen Paula und Bello sich jeden Tag am Bretterzaun und wurden dicke Freunde. Irgendwie war dieser Sommer anders als früher…

© Silke Siewert, 2014. Alle Rechte vorbehalten.